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  Insch’Allah – so Allah will

 

 

 

Geschichten aus dem Maghreb

 

  Eine Reise in Marokko im November 2006

 

Ein junger Mann aus Deutschland reist durch das Königreich Marokko. Er sitzt im Zug, sagen wir mal, zwischen Rabat und Casablanca, vielleicht ist er auch auf dem Weg nach Fez oder Marrakesch, und erlebt  – aus dem Fenster schauend, natürlich -  die nordafrikanische Landschaft. Ich weiß nicht, in welcher Jahreszeit er unterwegs ist, doch sollte  es zufällig im Herbst sein, sagen wir einmal Anfang November, einer Jahreszeit, wo auch ich zusammen mit einer Freundin in der königlich marokkanischen Eisenbahn reiste, wobei besagter junger Mann der Anlass unserer Reise war, so bietet sich ihm dieses Stück Nordafrika in vorwiegend braun-beigen Farben dar. Er sieht also braune Felder, vereinzelt Palmen, auch Pinien, Akazienbäume, Eukalyptus – sie wachsen überall in warmen Zonen wie das Gemüse! -  und ihn fremd anmutende dichte Laubbäume, er sieht die sich in ihrer ganzen Pracht an Mauern anklammernden  Bougainvillen, zumeist rot blühend, aber auch gelb und orange, und hin und wieder gleiten auch alle drei Farben, durcheinander blühend, an ihm vorbei, da sich diese  Kletterpflanzen, nachdem sie sich aus verschiedenen Wurzeln tapfer emporgearbeitet haben, ineinander schlangen und sich nun ineinander klammern. Andere Blumen sieht er eigentlich nicht. Von Mitreisenden erfährt er allerdings, dass sich diese braune Landschaft im Frühling in einen bunt blühenden Teppich verwandeln wird. Er sieht die kleinen grau-beigen Städte und Dörfer, deren Häuser durchweg kubische Formen aufweisen. Und er sieht natürlich immer wieder Minarette. Er sieht schwarze und schwarz-weiß gefleckte Kühe auf kargen Weiden, hin und wieder auch ein Pferd, öfter noch einen Esel, und kleine Müllkippen in Gleisnähe. Alle Bahnhöfe, die er benutzt oder passiert, sind überraschend elegant und modern. Die Fahrkarten allerdings sind, im Gegensatz zu denen der immer intensiver sparenden Deutschen Bahn, weit weniger aufwendig als bei uns. Der Computer spuckt einen Zettel aus, auf dem das Notwendige verzeichnet ist, und diese „Wische“, kann man sagen, gleichen haargenau den Belegen, die wir in die Hand gedrückt bekommen, wenn wir, wo auch immer, mit EC-Karte bezahlen. Herr Medohrn sollte einmal in Marokko Zug fahren!

 

Befindet sich besagter junger Mann auf dem Weg nach Süden, zum Beispiel nach Marrakesch (so wie wir später), so erlebt er, wie sich die Ebene allmählich in eine wellige braune, kahle eher sandige Hügellandschaft verwandelt, wobei einzelne Hügel hin und wieder von kubischen Felsformationen gekrönt sind, wie man sie, sofern man sie nicht  schon selbst einmal in Arizona gesehen hat, aus alten Wildwestfilmen kennt. Der junge Mann denkt vielleicht: „Jetzt befinde ich mich in der Wüste!“ Doch noch vor Marrakesch wird die Landschaft wieder flach werden und Bewuchs zeigen.  Falls er sich in einem der durch Baustellen und Gegenzüge an dem Ausfahren ihrer eigenen vollen Geschwindigkeit gehinderten Züge befindet, so erlebt er, dass dieser auch hin und wieder, eher mehrmals, auf offener Strecke stehen bleibt, dass Passagiere, in der Regel junge Männer, von den hohen unteren Trittbrettern herabspringen (die wieder zu erklimmen unsereinem ohne fremde Hilfe nicht möglich wäre, wäre man ebenso verwegen gewesen wie jene!), um sich die Beine zu vertreten, ein Zigarettchen zu rauchen oder sich sogar in’s Gras zu fläzen. Ob Daherzuckeln oder gar Stillstehen des Zuges: der junge Mann stellt fest, dass kein Mensch ob der Verzögerung unruhig wird, sich gar darüber aufregt, dass er Anschlüsse verpassen könne, sondern dass sich die einheimischen Passagiere - im Gegenteil - ruhig und gelassen geben, sich auch gedämpft  und ohne viel Gestik zumeist in kehligem Arabisch unterhalten, wobei sie einem Schwätzchen mit einem Fremden keineswegs abgeneigt sind! Und sofort in das Französische verfallen! Arabisch ist zwar die Hauptsprache in Marokko, doch Französisch – Erbe der Protektoratszeit (Französisch-Marokko) – wird ebenfalls als Amtssprache benutzt, und man erlernt es in der Schule, sofern man es nicht schon zu Hause in’s Ohr bekommen hat. Im Norden des Landes, den wir nicht besucht haben, wird übrigens spanisch als erste Fremdsprache gelehrt und auch noch spanisch gesprochen – ebenfalls Erbe der Protektoratszeit (Spanisch Marokko).

 

Der junge Mann hat also genug Gelegenheit, mit den Mitreisenden in Kontakt zu kommen 

und gleichzeitig darüber nachzudenken, ob er sich nun einem Berberstämmigen oder einem Araber gegenüber sieht. Von den Berbern – die Römer nannten sie Barbaren, daher stammt unsere Bezeichnung „Berber“ - weiß er, dass sie heute als ein indigenes Volk Afrikas betrachtet werden, weil man nicht weiß, woher sie kommen. Sie haben gelocktes Haar und weiche Züge, neigen – so weit ich das überhaupt beurteilen kann – ein wenig zur Rundlichkeit, und obgleich sich die marokkanischen Könige aus der Dynastie der Alawiten als Nachkommen Mohameds des Propheten sehen, sieht so mancher junge Mann, den ich als Berber einordnen würde, dem heutigen jungen König Mohammed VI verblüffend ähnlich! Zu den berühmten Berbern zählt übrigens der hl. Augustinus, einer der vier Kirchenväter.

Schon Ende des 7. Jahrhunderts eroberten muslimische Araber von der Arabischen Halbinsel diese Region, die sie Maghreb nannten, denn Maghreb heißt auf arabisch „Westen“. Ihre Nachkommen sind eher schmal, glatthaarig und glutäugig, und......beide, ob reinrassig oder gemischt: die Maghrebiner sind einfach ein schöner Menschenschlag! Dabei sind sie liebenswürdig und hilfsbereit, insbesondere junge Männer uns älteren europäischen Damen gegenüber! 

 

Bevor wir uns wieder unserem jungen Reisenden zuwenden soll in wenigen Sätzen so viel Geschichtliches eingeschoben werden, wie es für unsere Reise von Belang ist. Immer wieder stoßen wir auf Avenuen und Prachtstrassen, einst angelegt von den Franzosen, und die sie auch mit Palmen oder exotischen Laubbäumen bepflanzten, welche heute den Namen Mohamed V tragen. Dieser  Mohamed war ab 1927 Sultan, und da er die nationalistische Unabhängigkeitsbewegung in dem seit 1909/1912 bestehenden  spanisch/französischen Protektorat öffentlich unterstützte, wurde er 1953 abgesetzt und nach Madagaskar verbannt. 1955 kehrte er zurück. 1956 kam es schließlich zur Unabhängigkeitserklärung des Landes. Mohamed erhielt die Königswürde und regierte als der V. dieses Namens bis 1961. Er wird in Marokko sehr verehrt. Sein Nachfolger, Hassan II, scheint mir eher etwas Orientalisch-Despotisches an sich gehabt zu haben. In seiner Jugend war er ein Playboy – was sonst? - Er sprach mehrere Sprachen fließend und war Volljurist. Auf einer Fotografie sah ich ihn als alten Mann, einfach gekleidet, sodass er mich eher an einen portugiesischen Bauern erinnerte als an einen muslimischen Herrscher. Dennoch: Von einem möglichen (wahrscheinlichen ) Harem habe ich zwar keine Kenntnis, doch davon, dass nach seinem Tod im Jahre 1999

50 000 politische Gefangene frei gelassen wurden (bei einer Gesamt-Einwohnerzahl des Landes von 32 Millionen, von denen wiederum 50% Analphabeten sind!). Ich erinnere mich sofort an ein Buch, in dem eine Marokkanerin ihre Erlebnisse als politisch Inhaftierte unter Hassans Regierung beschrieb. In der Wüste sei sie damals auf das menschenunwürdigste behandelt worden. Unter dem Nachfolger dieses Potentaten, Mohamed VI, kam es neben der erwähnten Amnestie auch zu einer Liberalisierung der Zensur. 2002 heiratete der junge König die Informatikstudentin  Salma Bennani, die sich – shocking – von Anfang an in der Öffentlichkeit unverschleiert zeigte. Vor 2 Jahren führte er im Land die Einehe ein. Man erzählt uns, dass er ständig herumreise, die Nähe zu seinen „Untertanen“ suche, sich sehr für die sozial Benachteiligten und für den Fortschritt  einsetze und überhaupt sehr beliebt sei.

 

Der junge Reisende hat natürlich auch Muße seine Mitreisenden näher zu betrachten. Die männlichen Passagiere sind in der Regel westlich gekleidet. Das lange kaftanähnliche bodenlange Gewand, meist mit Kapuze - und das ist typisch für den gesamten Maghreb -  wird er häufiger in den labyrinthähnlichen Souks der Medina (Altstadt) marokkanischer Städte und natürlich auf dem Lande zu Gesicht bekommen. Meistens werden diese Männer auch Kopfbedeckungen tragen, wenn sie nicht gar die Kapuze über ihr Haupt gezogen haben. Der Fez allerdings, den ich vor fast 30 Jahren in Tunesien häufig sah, als ich dort drei Wochen lang herumreiste, ist selten, und die weiten, sehr eleganten Umhänge, die mir damals so gefielen....Fehlanzeige! Die Frauen haben hier zumeist das Haar unter einem dunklen in meinen Augen unkleidsamen unter dem Kinn verschlungenen Kopftuch verborgen, und dazu tragen sie natürlich auch bodenlange Gewänder oder ebenso lange Mäntel. Wenn der junge Deutsche durch die Gassen der Souks streift begegnen ihm auch die vollständig verschleierten Frauen, von denen nur die Augen aus dem Tschador hervorlugen, und er wird auch die fußlangen, manchmal weißen (Berber) Kapuzengewänder an den verschleierten Frauen sehen. Es ist nicht ratsam, als junger Mann sittsamen jungen muslimischen Frauen keck in das Gesicht zu schauen. Es ist schon vorgekommen, dass Steine flogen! Dennoch: nicht wenige junge Marokkanerinnen tragen westliche Kleidung, vorwiegend die eng sitzenden Jeans und knappe Jacken, und sie tragen ungeniert ihr prachtvolles Haar (selbstverständlich auch das Handy!) und ein unübersehbares Selbstbewusstsein zur Schau. Viele dieser jungen Frauen gehen modernen Berufen nach, wenngleich die Arbeitslosigkeit in diesem Land noch sehr hoch ist und viele junge, gut ausgebildete Marokkaner in das westliche Ausland drängen. Allein die so verschiedenartige Garderobe der Männer und Frauen in diesem Land sorgt stets für ein buntes Straßenbild. 

 

Mir ist nicht bekannt, wie die junge Frau gekleidet war, in die sich unser Reisender im Zug auf den ersten Blick verliebte. Sicher aber ist, dass sie wunderschön war und – wie ich mich überzeugen konnte – heute noch ist. Damit wende ich mich der Erzählung eines maghrebinischen Märchens zu, das schließlich zu einem Happy end führte, wenngleich der Weg dorthin reichlich steinig und voller Dornen war.

 

Nach der Schari’a ist die Ehe zwischen einem Moslem und einer Christin (Ungläubigen) prinzipiell möglich. Die Kinder aus dieser Ehe sind grundsätzlich und immer Muslime. Die Ehefrau kann ruhig Christin bleiben, ihre Religionszugehörigkeit spielt offensichtlich in einer solchen Ehe keine so große Rolle, Hauptsache, die Kinder werden im rechten Glauben erzogen. Umgekehrt ist die Sache eine ganz andere! Eine Ehe zwischen einer Muslima und einem Christen (Ungläubigen) ist nur möglich, wenn der Mann zum muslimischen Glauben übertritt und zum Anhänger des Propheten wird. Im allerstrengsten Fall zieht die Beziehung einer Muslima zu einem Ungläubigen (Christen) die Todesstrafe für die Frau, möglichst noch durch Steinigung, nach sich. In den Medien wird von Zeit zu Zeit von solch gefährlichen Situationen berichtet (Iran, Nigeria). Unser junger Reisender, der sich im Zug in eine wunderschöne Muslima verliebt hatte, wollte sie nicht lassen, wollte sie also heiraten, und sie wollte die Ehe ebenfalls. Von der Liebe einmal abgesehen war er ja auch eine ganz attraktive Partie: ein Akademiker in guter Position mit durchaus guten Aufstiegsmöglichkeiten – und das in Deutschland! Strenge muslimische Hürden waren für den Brautwerber, zunächst jedenfalls, nicht in Sicht: Die Familie der Braut sei, so hört man, liberal eingestellt. Auch leben ihre beiden Brüder, beide akademisch ausgebildet und jeweils mit einer „Ungläubigen“ verheiratet, mit ihren Familien westlichen Ausland. Ihre Kinder sind, wie oben erwähnt, natürlich Moslems. Die Braut selbst wie auch ihre Schwestern üben moderne Berufe aus. Wo ist da das Problem?

 

Dennoch beharrte die muslimische Familie der Braut selbstverständlich darauf, dass sich der ungläubige Bräutigam erst einmal zu  Mohammed bekenne, bevor er die Braut überhaupt bekomme! Vielleicht auch nur deshalb, um den Weg zu einer an sich verbotenen Ehe frei zu machen? Doch der Germane, unterstützt von seinen Eltern, die offensichtlich von Anfang an jede Menge Schwierigkeiten bei diesem Heiratsprojekt vorausgesehen, sicher auch die konfliktträchtigen kulturellen Unterschiede im Auge hatten und wohl deshalb, den Berichten zufolge, zunächst gegen diese Ehe waren, er also blieb eisern und konnte sich letztendlich durchsetzen! Erste Runde!

 

Die nächste Runde war nicht familiärer sondern sozusagen öffentlicher Natur, denn auch der moslemisch- marokkanische Staat widersetzte sich der geplanten Eheschließung unter diesen Bedingungen und versuchte, jede Menge Hürden aufzubauen und ihr Steine in den Weg zu werfen. Diese Hürden sollen hier nicht im einzelnen geschildert werden, ich kenne sie auch gar nicht so genau. Vom Vater des Bräutigams hörte ich nur von Vorstellungen in Botschaften und Generalkonsulaten, von ewig andauerndem nervenaufreibendem Schriftverkehr und wiederholten Rückschlägen.  Alles in allem: es war ein langer, beschwerlicher Weg, bis es endlich zu einer standesamtlichen Trauung in Deutschland und einer zwar nicht kleinen, gar kleinlichen, doch wohl eher gemütlich-deutschen Hochzeitsfeier in der fränkischen Heimat des Bräutigams kam.

 

Damit blieb der Bräutigam aber immer noch das, was er war, nämlich Bräutigam, denn aus muslimischer Sicht war das keine Hochzeit im engeren Sinne und somit der Vollzug der Ehe zunächst noch hintangestellt, wie ich hörte. Die „Richtige Hochzeit“ sollte in der Heimat der Braut, in Rabat, stattfinden, und die selbstverständlich eingeladene mit mir befreundete Patentante des Bräutigams bat mich, sie zu begleiten. Whaugh!

 

 

Nach pünktlichem Start reisen wir in einem (keineswegs voll besetzten) Flieger der königlichen marokkanischen Airline im Direktflug von München nach Casablanca, im Folgenden kurz Casa genannt (wie in Marokko, selbst bei allen Verkehrsbetrieben, üblich). Nach ebenso pünktlicher Landung hetzen wir, umringt von „Gepäckhelfern“, die wir, so, wie wir bestückt sind, überhaupt nicht brauchen, zum Bankschalter, um dort wertvolle EURO in weniger wertvolle DIRHAM einzutauschen, was außerhalb des Landes nicht möglich ist (Kurs so knapp über den Daumen 1:10), sodann, immer noch Gepäckhelfer im Schlepptau, in gleicher Hetze zum Fahrkartenschalter, denn es geht ja mit dem Zug weiter nach Rabat. Der Bahnhof ist in den Airport integriert, alles ist pieksauber, neu und elegant, der pünktlich einfahrende Zug aber eher altmodisch und überfüllt. Es stellt sich heraus, dass er von vielen Pendlern benutzt wird, wobei anzumerken gilt, dass eine einfache Fahrt zwischen Casa und der Hauptstadt an die 2 Stunden in Anspruch nimmt. Auch in Marokko ist das Arbeitsleben, so man Arbeit hat, oft an die moderne Askese geknüpft.

 

Junge hilfsbereite Männer sorgen dafür, dass wir ältere Damen zum Sitzen kommen. Mein Gegenüber, ein junger Banker, freut sich, sein in den Emiraten eintrainiertes Englisch mit mir üben zu dürfen, während sein Kollege, der mir seinen Platz frei gemacht hat, offensichtlich nicht in diesen Genuss eines derartigen Auslandsaufenthaltes gekommen war und sich daher nur mit freundlichem Lächeln am Gespräch beteiligt. Schließlich müssen doch noch Geschäftspapiere aufgearbeitet werden, und beide vertiefen sich wieder in dieselben, während es draußen bereits dunkelt.

 

Die Eltern des Bräutigams, die uns in Rabat am Bahnhof erwarten, überraschen uns mit der Nachricht, dass ihr Koffer in Paris hängen geblieben sei. Inhalt: Festkleidung, Unterwäsche und Hochzeitsgeschenke! Pas de problèmes – ich biete Unterwäsche und T-shirts an, und außerdem werden wir morgen in den Suqs (Bazarstraßen) shopen gehen! Eine abendliche Einladung der Familie der Braut schlagen wir aus, schon aus der Kenntnis heraus, dass wir  noch 2 (!) Feiern hintereinander vor uns haben. Zu müde! Dieser Abend in der engeren Familie – ohne den Bräutigam, der noch nicht eingetroffen war - zieht sich, wie am nächsten Morgen zu erfahren, auch bis nach Mitternacht hin. Im Maghreb leben die Menschen, so scheint es, nach Einbruch der Dunkelheit erst so richtig auf. Wir sonnenhungrige Mitteleuropäer sind dagegen geradezu „Lichtgestalten“!

 

Am folgenden Tag wird die in Paris verloren gegangene Garderobe in einem Ausstattungsgeschäft auf der Avenue Mohamed V ersetzt, wie auch in den Souks auf alle Fälle noch ein langes Kleid im Maghreb-Look – nicht ohne sportliches Feilschen, wie hier üblich – für schlappe 150 DIRHAM erworben wird. Die Tante des Bräutigams ist in solchen Situationen nicht zu schlagen, wie sich später, namentlich bei Verhandlungen mit Taxifahrern, noch öfter herausstellen wird. Als wir nachmittags in das Hotel zurückkehren, ist der vermisste Koffer wieder da.

 

Wir in Deutschland haben den Polterabend, im Maghreb haben wir am Vorabend der eigentlichen Hochzeit die festliche Bemalung der Braut mit Henna! Zum Glück beschließen wir in Absprache mit den Eltern des Bräutigams, unsere Hochzeitsgeschenke bereits an diesem Abend abzugeben, da die „eigentliche Hochzeit“ in einem öffentlichen Haus mit voraussichtlich weitaus mehr Gästen gefeiert werden soll. Immerhin wird auch in diesem Land vor Dieben gewarnt.  Es stellt sich heraus, dass sich das Braut-Haus, ein schmalbrüstiges, in eine breitere Häuserfront eingefügtes dreistöckiges Gebäude in der Schwesternstadt von Rabat, in Salé, befindet. Diese Stadt liegt jenseits des Flusses Bou Regreg,  welcher hier, nachdem er sich noch schnell mal eben zu einem kleinen Fischerhafen ausgebuchtet hat, in den Atlantik mündet. Sie ist mit der Hauptstadt durch eine lange Brücke verbunden. Mit dieser Brücke hat es insofern eine Bewandtnis, als es den üblichen „kleinen Taxis“, die in der Regel nicht mehr als drei Personen befördern dürfen, untersagt ist, sie zu befahren. Mit anderen Worten: diese Mietwagen sind an ihre jeweilige Heimatstadt gebunden, und nur die größeren teueren und weitaus selteneren Mercedes-Taxis dürfen diese Brücke „gewerblich“ nutzen. Für uns ist diese Tatsache zunächst nicht von Belang: wir werden abgeholt, wobei sich uns noch zwei deutsche Freunde des Bräutigams zugesellt haben, und lernen noch vor dem Hotel die unverheiratete, eher kleinwüchsige quirlige Schwester der Braut in einem umwerfenden weißen Kleid kennen, das sie nach ihren eigenen Worten selbst entworfen hat. Sie ist eine hübsche selbstbewusste Bankerin und hat auch unsere Hotelaufenthalte in Rabat, Marrakesch und Casa organisiert.

 

Der Empfang vor dem Haus der Familie der Braut wird von durchdringendem „Indianergeheul“ begleitet. Jeder, der schon einmal in einem der Maghreb-Länder ( dazu gehören die Atlasländer Tunesien, Algerien, Marokko) gereist ist, kennt das. Unter durchdringendem Geschrei bewegen die Frauen ihre Zungen in ungeheurer Geschwindigkeit  in ihren Mündern, ist doch die Zunge der beweglichste Muskel im Körper! Ein Freudengeheul also! Wir können es nur imitieren, indem wir genau so laut schreien und dabei rhythmisch mit der Hand auf den Mund hauen. Es folgen Umarmungen und Küsse, sodann erklimmen wir eine steinerne, steile, gewendelte Treppe bis in den dritten Stock, wobei unterwegs weitere Familienmitglieder und Gäste zu begrüßen sind, denn die Familie bewohnt das ganze Haus. Es gehört ihr. 

 

Im obersten Stock werden wir von einer beeindruckenden Musikkapelle empfangen, deren Darbietungen ein Mitteleuropäer anfangs als ein unaufhörliches, ja unendliches, unmelodisches, dissonantes  Jaulen um 2-3 Töne herum empfindet, bis ihn doch allmählich die Rhythmen dieser exotischen Musik gefangen nehmen. Nach und nach verspürt er ihre Wirkung auf seinen Körper immer intensiver, bis er sich ihr schließlich so, wie die Einheimischen, hinzugeben vermag. Anders kann ich es nicht beschreiben. Anfangs jedenfalls empfinde ich alles als viel zu laut, denn selbst in diesem Raum, in dem lediglich die einzige Tür, die zu kleineren Nebenräumen und zur Treppe führt, geöffnet ist, ist das Mikrophon obligat....im Hinterkopf fürchte ich einen Hörschaden.....vergesse ihn aber bald....

 

Wie in Nordafrika üblich, verläuft eine gut gepolsterte Bank mit reichlich Kissen an den Wänden das Raumes entlang und wird nur durch die Zimmertür unterbrochen. Dieser gegenüber sind zwei Plätze etwas erhöht angeordnet, davor steht ein kleines Tischchen mit Krimskrams, so kommt es mir vor, und an der Stirnseite hat die Kapelle mit ihren exotischen Instrumenten Platz genommen. Es werden Wasser, Thé en menthe (der herrliche, in ganz Nordafrika verbreitete stark gesüßte Minztee mit frischen Blättern, serviert in kleinen Gläsern – köstlich) und Gebäck gereicht. Ein Sänger jault in das Mikrophon, der Krach ist unbeschreiblich, die Anzahl der Familienmitglieder und der Verwandtschaft überwältigend. Alle weiblichen Gäste sind unverschleiert und tragen glänzende, hochgeschlossene lange Gewänder in lebhaften Farben, die meist mit einer breiten Schärpe gegürtet sind. Ein Decolleté ist selbstverständlich nirgends in Sicht. Weibliche Hilfstruppen haben ihr Haar unter einem Kopftuch verhüllt! Und halten sich im Hintergrund. Die Männer ihrerseits tragen westliche Kleidung. Lediglich die Musikanten und ein Schwager sind in Galabijas gekleidet, jene langen hemdartigen, luftigen Gewänder ohne Kragen.

 

Dann.....unter „Indianergeheul“.......erscheint das Brautpaar .....und mir verschlägt’s den Atem! So etwas Schönes habe ich, glaube ich, noch nie gesehen!!!!

 

Gemessenen Schrittes führt der in einen westlichen Anzug gekleidete Bräutigam seine Braut durch den Raum. Die junge Frau trägt auf dem schwarzen, hochgetürmten Haar eine goldene Krone unter der ein kurzer durchbrochener goldener Schleier fast bis zu ihren Schultern reicht. Die schmale (arabische?) Gestalt ist in ein hochgeschlossenes weißes Gewand gekleidet. Sie nimmt auf dem erhöhten Sitz Platz und der Bräutigam schlägt den Schleier zurück. Das (natürlich geschminkte ) Gesicht ist eines der schönsten, das mir in meinem 71 jährigen Leben je begegnet ist. Während der Bräutigam neben ihr Platz nimmt, werden ihre Füße hoch gebettet, und es beginnt die Bemalung mit Henna! Eine bekopftuchte ältere Frau arbeitet mit einer Spritze, indem sie über Stunden - ja über Stunden! - und unter lauter Musik, zunächst die Füße, später die Hände mit kunstvollen Arabesken schmückt, deren Ingredienzien, Henna also, sie von besagtem kleinen  Tischchen bezieht. Sie arbeitet hoch konzentriert. Während dieser Zeit wird die Stimmung von der Musik und den bewegungsfreudigen Familienmitgliedern und Gästen angeheizt, die sie nicht stillsitzen lässt. Ohne Unterlass wird getanzt, werden Arme in die Luft geworfen, Becken und Oberkörper in immer schnellere Drehungen versetzt, werden kleine Kinder auf den Armen oder auf den Schultern sozusagen „rhythmisch geprägt“, wie man es neurologisch ausdrücken könnte, es werden Kreise gebildet, Reigen getanzt und wieder gelöst, Paare tanzen aufeinander zu miteinander, ohne sich zu berühren, und wieder voneinander weg, es herrscht ein  sich rhythmisch schüttelndes kreisendes Gewoge, eine à tempo getanzte Trance. (Und mitten in dem Gewühl immer einige linkische Europäer, die mitgerissen werden) Die Tänzer fassen sich allerhöchstens an den Händen, berühren niemals einen Körper, dennoch ist die Luft voll mit Erotik aufgeladen. Die älteren, verheirateten schönen Schwestern der Braut, Mütter von Kindern, tanzen barfuss mit ihrem jeweiligen Ehemännern in fast – anders kann ich es nicht ausdrücken – pornografischen Bewegungen, ohne sich zu berühren, sodass unsereins das Gefühl hat, man befände sich in einem Brautgemach. Und dennoch sind gerade diese erotischen Tänze gleichzeitig die reinste choreographische Ästhetik. Die Schwiegermutter einer der Töchter des Hauses, eine kleine kugelrunde Person und wirklich eher breit als lang, ist eine geradezu begnadete Einzeltänzerin. Die Bräutigamsmutter lässt sich von ihrem Temperament mitreißen, und schwingt unermüdlich ihren Körper im gerade erworbenen maghrebinischen Gewand inmitten des Gewühls kreisender Leiber der meist jugendlichen Tänzer, wogegen die zarte kleine Brautmutter (einen Brautvater gibt es nicht mehr), noch immer eine hübsche Frau unter ihrem Kopftuch und in ihrem bodenlangen glänzenden Festgewand, wie eine bescheidene Statue wirkt und bestenfalls an einem Reigen teilnimmt. Dennoch ist sie es, die immer wieder das Indianergeheul anstimmt, um ihrer Freude an diesem Fest Ausdruck zu verleihen. Alle sind wahrlich ausgelassen, obgleich kein einziger Tropfen Alkohol fließt, während die Braut bewegungslos auf ihrem „Thron“ einer indischen Göttin gleicht und ich mich an ihr nicht satt sehen kann. (wenn ich nicht auch gerade in die Gemeinschaft der Tänzer hineingezogen werde und ins Kreiseln gerate) Geduldig, stumm – und er ist ja ein ganz Lieber – sitzt der junge germanische Gott neben ihr, und vielleicht denkt er auch an seine gesamten Investitionen, denn: die Kosten der Hochzeit hat er zu tragen und eine Morgengabe (in Form von Schmuck) war außerdem Bedingung, damit er diese schöne Frau überhaupt bekam.

 

Jeder, der in Nordafrika oder im Orient gereist ist, weiß, dass eine Frau schon immer einen Preis gehabt hat, der in der Regel in der entsprechenden Anzahl von Kamelen ausgedrückt wird. Die Nomaden der Wüste haben ihre Frauen gekauft und oft hoch bezahlt. Auch Goldschmuck musste sein, damit die Frau, sollte sie ihren Mann auf welche Weise auch immer verlieren, nicht ganz mittellos dastand. Liegt hier der Ursprung für die Sitte, dass in Marokko, im Gegensatz zu uns, der Bräutigam für die Kosten der Hochzeit aufzukommen hat? Und Schmuck schenkt? Auch die Morgengabe wurde in unserem Falle verhandelt, erfahre ich.       

 

Endlich ist die Braut in voller Hennabemalung zu bewundern, und man schreitet zum Festmahl. Auch die Musikanten sind hungrig.....und die Schwestern der Braut haben sich inzwischen umgezogen und erstrahlen in neuen Farben!

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Selbstverständlich darf das im ganzen gebratene Schaf (Hammel), in dessen Brusthöhle die Innereien, verarbeitet zu einer wohlschmeckenden Fülle, verborgen sind, nicht fehlen. An unserem großen runden Tisch, vorwiegend besetzt mit „Ungläubigen“, wird es zur Hälfte einschließlich Kopf serviert. Man reißt sich die Fleischstücke aus dem Gebratenen mit der Hand heraus (dies besorgt ein Bruder der Braut für uns Ausländer), gegessen wird mit den Fingern der rechten Hand, denn die linke Hand ist unrein und für die unteren Regionen des Körpers zuständig. Es werden wohlschmeckendes mitgeschmortes Gemüse und Dips gereicht. Als nächstes werden gebratene Hühnchen serviert, denen ein herrlicher Duft von exotischen Kräutern entströmt. Ich kann einfach nicht mehr!!! Und außerdem habe ich „als Süße“ zuvor zu viele Plätzchen verdrückt

 

Als nach dem Mahl die gestärkte Musik erneut einsetzt (während die eiligst aufgeschlagenen großen Esstische wieder abgebaut werden) bekommen wir auch das Brautpaar wieder zu Gesicht, welches nun auf europäische Weise miteinander tanzt, sich also durchaus die Legitimation erworben hat, sich körperlich berühren zu dürfen. Doch langsam macht sich eine allgemeine Müdigkeit breit....Das Brautpaar wird in ein Zimmer geleitet, von dem ich vermute, dass es sich um das Brautgemach handelt. Alle Welt freut sich auf das Große Fest in der folgenden Nacht .....es wird toll werden.....  Insch’ Allah ....  Es ist über 2 Uhr morgens hinaus, bis wir uns ausstrecken können

 

Und es wurde toll! Und übertraf das für mich schon hinreißende Fest der Henna-Bemalung um ein Vielfaches! Es war ein einziges Märchen aus 1001 Nacht! In einem typisch marokkanischen Haus zog sich die Feier dieser marokkanischen Hochzeit bis in die Morgenstunden hin.....Unter Fahnengeschwenk, Musik, ( 2 Kapellen spielten abwechselnd miteinander, wobei  eine von ihnen nur aus Schwarzen, Nachkommen ehemaliger Sklaven also, bestand) und Durchtanzen wurde das Brautpaar in 5 verschiedenen geradezu atemberaubenden Verkleidungen auf an hohen Stangen befestigten zum Teil schüsselähnlichen „Tabletts“ meist auch noch tanzend herumgetragen und den einzelnen Gästen präsentiert, wobei der Bräutigam zwischenzeitlich auch in einheimischer marokkanischer Tracht erschien. Dieses märchenhafte Fest begann erst eine Stunde vor Mitternacht, da eines der Brautkleider noch der Fertigstellung bedurfte. (Kleiderwechsel scheint bei einer Festivität in diesem Land unabdingbar zu sein!) Eine Näherin hat wohl auch heutzutage in Marokko ihr gemütliches Auskommen, denke ich mal. Erschien die Braut also zuerst in Silber, konnte man sie darauf in Gold bewundern. Dann folgte eine ägyptische Verkleidung des Brautpaares, schließlich sah man die Braut in blau und endlich in Weiß! Dazwischen wurden die Eltern geehrt, es wurde getafelt und .....toujours getanzt......

 

Ich muss allerdings gestehen, dass wir uns dieser Festivität ob ihres späten Beginns entzogen hatten, da wir am kommenden Vormittag die Reise nach Marrakesch antreten wollten und daher die Beschreibung dieses marokkanischen Traums von den begeisterten Bräutigam-Eltern entgegen nahmen, die ihrerseits nur die halbe Nacht durchhielten und Mühe hatten, von einem der Familienmitglieder endlich über besagte Brücke zum Hotel gebracht zu werden, uns aber morgens um 3 Uhr 30 mit begeisterten Schilderungen wach machten. Die jungen deutschen Gäste, die bis zum Ende durchgehalten hatten, sahen sich am Vormittag zu weitschweifigen Erzählungen nicht mehr in der Lage und konnten nur Stichpunktartiges beitragen: sie hingen  bleich und grau herum,  und einer von ihnen ist doch glatt während der grandiosen Feier noch beklaut worden! Zu einer Störung der Festivität durch „fromme Moslems“, wie die Tante des Bräutigams ob der aus muslimischer Sicht „sittenwidrigen und verdammungswürdigen Eheschließung“ befürchtet hatte, kam es nicht.

 

 

Den ersten Spaziergang in der königlichen Residenzstadt Rabat beginnen wir am eindrucksvollen Stadttor Bab Rouah (Tor der Winde), welches in die aus Lehm errichtete Stadtmauer – vollendet im 12. Jahrhundert – eingelassen ist. Zum Palais Royal gleich rechter Hand hat man natürlich keinen Zugang, doch unterhaltsam sind die Spaziergänge durch die ganz in blauweiß gehaltene, allerdings angeschmutzte Medina. Diese hellen Farben erinnern mich  an Andalusien und an die Vertreibung der Mauren durch die Christen aus dem spanischen Süden im 15. Jahrhundert, als sich die Vertriebenen über die Straße von Gibraltar nach Nordafrika zurückzogen und ihre südspanische hohe Kultur mit herüber brachten. Diese beiden hell leuchtenden Farben – weiß und blau - findet man auch im Norden Tunesiens, wo sie – wie hier - in dem strahlenden Sonnenlicht gegen den tiefblauen Himmel auf das herrlichste kontrastieren und viele europäische Künstler, auf die Nordafrika seine Anziehungskraft ausübte, begeisterten. Erdfarben ist dagegen die gewaltige Stadtmauer der Königstadt, und erdfarben ist auch die gewaltige Festung (Kasbah), deren steile Mauern hoch aus dem atlantischen Meer hinaufragen. Sie wurde im 12. Jahrhundert als Wehrburg errichtet, und von ihr aus ist der Blick auf das Meer, auf den Fluss und auf Salé überwältigend. In den Suqs des Bazar findet sich immer wieder einmal eine kleine Moschee, die leicht zu übersehen ist. Eine Moschee werden wir allerdings auf der ganzen Reise nicht betreten dürfen, ebenso wenig wie einen Friedhof. Heilige Stätten sind für Ungläubige tabu. Dagegen suchen wir in Rabat zweimal das berühmte Café des Maures, das maurische Café, auf, von dem man aus wiederum nicht nur einen herrlichen Blick auf den Atlantik, auf den Fluss und auf Salé hat, sondern in dem man, wie bereits oben beschrieben, auf der an der Wand entlanglaufenden  gepolsterten und mit reichlich Kissen versehenen Bank oder auf Hockern sitzt und sich an thé en menthe, türkischem Kaffee und Mandelplätzchen gütlich tut. Und wo doch tatsächlich streunende Katzen von Angestellten mit Brekkies gefüttert werden – eine Gelegenheit, lokale Rangordnungen in der Katzenhorde zu beobachten! Bevor man sich in das Labyrinth des Bazar begibt, vielleicht sogar durch die ärmlichen nicht überdachten schmalen Gässchen an der dem Fluss zugewandten Seite der Suqs durch den Dreck wandert, wo die Ärmeren ihre Flohmarkt-Waren auf dem Boden ausbreiten (sozusagen Rabat from behind!) und nicht in kleinen offenen Läden mit Schaufenstern feilbieten (da doch in einem von ihnen abermals ein langes Gewand unter sportlichem „handling“ für 150 DIRHAM erworben wurde), ist ein Spaziergang durch den kleinen Park innerhalb der Kasbah eine Labsal für die europäische Herbstseele. Zweimal haben wir ihn aufgesucht. Obgleich ihn immer wieder ausländische Besucher durchwandern ist es die Stille in diesem blühenden Paradiesgarten unter dem blauen Himmel und in der angenehmen Meeresluft, sind es die blühenden Rosen, die Palmen und Bananensträucher, die weit ausladenden dicht belaubten Bäume mit ihren dunklen, fleischigen Blättern, die vielen exotischen Stauden, die einem das alte Herz aufgehen lassen. Schon in Rabat fällt mir auf, dass  ich mich in diesem nordafrikanischen Land von morgens bis abends  entspannt und sehr wohl fühle. Am zweiten Tag unserer Spaziergänge gelangen wir auch zu dem aus dem 12. Jahrhundert stammenden, allerdings nie vollendeten und dennoch monumentalen und mit Ornamenten reichlich ausgestatteten Tour Hassan, dem Hassanturm, ein Minarett nach dem Vorbild der Giralda in Sevilla. Auftraggeber war der legendäre Almohaden-Herrscher Al Mansur, von dem man immer wieder hört, dem man immer wieder begegnet, der jedoch während der Bauzeit des gewaltigen Turmes verstarb. Wie die Giralda sollte auch dieses Minarett mit Pferden breitbar sein! Nahe dem Turm findet sich das imposante Mausoleum der Könige Mohamed V und Hassan II, Großvater und Vater des derzeit regierenden Königs, errichtet von einem japanischen Architekten! Über Stufen erreicht man eine weite Plattform mit unzähligen halbhohen, abgestumpften Säulen (Zeichen des abgebrochenen Lebens?), bis man  die Mausoleen und eine Moschee im maurischen Stil erreicht. Von einer Empore aus blickt man in einen der mit verschiedenfarbigen Fayencen vornehm  ausgestatteten hohen Räume auf den unter einer dunkelroten Decke ruhenden Sarkophag. Das gesamte Gelände wird von Soldaten in malerischen marokkanischen Uniformen bewacht, am Haupteingang auch zu Pferde: brave graue, von Fliegen geplagte Tiere, die zumindest in Sand stehen dürfen. Ablösung alle 1 ½ Stunden, wie mir einer der Reiter, der sich natürlich auch gern fotografieren ließ – er war es wohl gewöhnt – versicherte. Danach wagten wir eine Fahrt in einem öffentlichen Bus, den zu besteigen eine sportliche Konstitution erfordert, sind denn auch hier die Stufen überdimensional hoch!  Allerdings kamen wir bei weitem nicht dort hin, wohin wir wollten.....wenn es auch sonst interessant war! Fast wären wir auch in einer völlig fremden Umgebung beim Verlassen dieses schuckelnden und holprigen Gefährts verunfallt....Alte Leute aus der einheimischen Bevölkerung sind, so scheint es, mit solchen öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr unterwegs (wenn sie überhaupt so alt werden wie unsereins....) Mehrere freundliche junge Helfer und ein zufällig vorbeikommendes Taxi retteten uns schließlich aus dieser misslichen Situation einer rappeligen Irrfahrt....

 

 

Bezauberndes Marrakesch! Marrakesch, die Elegante, Marrakesch, die rote Stadt! Nach einer 4-stündigen Bahnfahrt in einem „compartiment“ 1. Klasse (Abteil -„amerikanische“ Großraumwagen kennt man hier nicht) mit vorausgebuchten Sitzplätzen erreichen wir  d i e  Berbermetropole des Landes. Hier sind die (ebenfalls von den Franzosen angelegten) Pracht-Avenuen bei weitem breiter und länger und grandioser als in der königlichen Residenz Rabat!  Sie werden von eleganten, dem maurischen Stil angeglichenen beeindruckenden Gebäuden in roten, rosa und Ockertönen gesäumt, und längs in ihrer Mitte blühen Rosen über Rosen. Es lässt sich ebenfalls beobachten, wie Wasserspiele, wie sie in den Gärten der Alhambra in Andalusien sprudeln, angelegt werden. Marrakesch ist auch  die Stadt der berühmten Parks und Gärten, die zu besuchen wir leider gar keine Zeit mehr fanden...und sie ist die Stadt der weltberühmten Medina mit der ausgedehnten von 2-stöckigen Häusern zu 3/4 eingegrenzten Djemaa el Fna, dem Platz der Geköpften, auch als Platz der Gaukler und Märchenerzähler oder als la grande Place bekannt, .....ein Platz auch der Weltliteratur! (Elias Canetti) Seit einigen Jahren steht nun dieser weltberühmte Platz auch unter dem Schutz der Unesco als mündliches und immaterielles Erbe der Menschheit. Wie lange schon hatte ich Sehnsucht, dich zu sehen, Marrakesch, du schöne Nordafrikanerin, um die sich so viele Geschichten ranken!.....Übrigens fand 2001 in dieser Stadt die Weltklimakonferenz statt. Kein Wunder, dass es hier so viele elegante Hotels gibt (und alle in rotbraun!). Wieder wohnen wir – wie auch in Rabat – in einem der Ibis-Hotels unmittelbar neben dem Bahnhof. Ein kleiner Spaziergang in seiner Umgebung am Tag der Abreise zeigt uns in einer dargestellten Computeranimation an Bauwänden, wie dieser Bahnhof nach seinem Umbau aussehen wird. Ich kann nur sagen: à la bonheur!

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Sämtliche Gebäude der Stadt sind also in den oben beschriebenen Rot- bis Ockertönen gehalten, wie im Reiseführer zu lesen, ob sie denn noch aus alten Zeiten stammen - im 11. Jahrhundert wurde die Stadt als erste Berberstadt gegründet – oder erst gestern oder heute fertig gestellt wurden.

 

Immer beginnt ein Spaziergang durch die Medina am Platz der Gaukler....Und da sind sie: die Schlangenbeschwörer, welche die Schlangen, die doch einfach nur ganz ruhig daliegen möchten, durch Schlagen auf Tambourine und Schütteln derselben so lange ärgern, bis sich die gestressten und geplagten Tiere aufrichten und auf ihre Art, hin und her schaukelnd, schimpfen. Da sind sie, die Musikanten und die Tänzer, die, rückwärts tänzelnd, vor dem Spaziergänger die Bommeln auf ihrem Fez rhythmisch kreisen lassen, und sie sind wirklich da, die Märchenerzähler, eingekreist von Menschentrauben, denen sie mit rauer Stimme ihre Geschichten erzählen. Alle diese Gaukler sind in die langen Galabijas gewandet, ob sie dressierte Äffchen oder anderweitige Kunststückchen vorführen. Am malerischsten sind allerdings die ganz in rot gekleideten Wasserverkäufer mit ihren großen, breitkrempigen und in der Mitte spitz zu laufenden knallroten Hüten. Absolut fotogen sind sie....Wasserpfeifen, sonst überall im Orient üblich, gar Wasserpfeifen rauchende Männer, kann ich nirgends entdecken.  Immerhin betreten wir eine Apotheke, denn ich habe in Rabat meine Ohrstöpsel liegen gelassen. Weitab von europäischer Qualität erwerbe ich eine zu kleinen Kugeln geformte klebrige Masse, die aus den Haaren, in die sie geraten sind, nur herausgewaschen werden können....

 

Zwei Tage lang gehen wir in der Medina innerhalb der Stadtmauern spazieren, verlaufen uns immer wieder einmal, nicht nur in den Suqs des ausgedehnten Bazar, sondern auch in den verwinkelten Strassen und Gässchen, in denen nicht nur Motorräder und Autos ihren Weg suchen, sondern auch Fiaker Touristen umher kutschieren, erleben immer wieder einige überraschende Entdeckungen, marschieren auch nach einem kurzen Regen mal durch den Dreck und sind dennoch von dieser Stadt fasziniert.

 

Ein jeder, der schon einmal einen orientalischen Bazar besucht hat, sei es im Orient, sei es im westlichen Nordafrika, weiß, dass dort alles, aber auch alles zu haben ist: vom Krimskrams bis zu den wertvollsten kunsthandwerklichen Stücken, seien es Teppiche, Schmuck, Metallwaren, herrliche Stoffe, Kleider (auch die glänzenden Kleider oder Stoffe unserer weiblichen Hochzeits-Gesellschaft in Rabat), Wäsche, Schuhe, Gehämmertes, Getöpfertes, Gepunztes, Geschnitztes, Gedrechseltes (gedrechselt wird übrigens unter Zuhilfenahme eines nackten Fußes, wobei die scharfe Klinge zwischen zwei Zehen geklemmt wird).und...und...und. Kein Wunder, dass man da nur langsam vorankommt und nur schaut...schaut...schaut...Eine besondere Attraktion sind immer wieder die Gewürzläden, insbesondere, wenn man auf der Suche nach echtem Weihrauch ist.(Harzklumpen aus Weihrauchbäumen von der südlichen arabischen Halbinsel)! So kommen wir nicht umhin, die vielfarbigen hohen kegelförmigen spitz zulaufenden Hügel pulverisierter Gewürze zu bestaunen, wie Sesam, Kreuzkümmel Zimt, Muskat und ach ich weiß nicht, was es da noch alles zu betrachten und zu erschnuppern gibt..., und welche allesamt in Rot, Grün, Gelb, Dunkel und Hell ihren exotischen Duft verströmen. Auch an einer ganzen Anzahl für unseren Geschmack penetrant duftenden Parfümerien und Wässerchen hatten wir zu schnüffeln, allerlei Stäbchen und Schoten zu betrachten, uns über Aphrodisiaken zu informieren(!) und letztendlich den Weihrauch zu erwerben. Wir ergötzen uns an den braunen kreisrunden mit gelben und roten Streifen bemalten Keramiken, in der das Nationalgericht Tajine (Gemüse, meist mit Fleisch oder Fisch, aber auch ohne, und mit Oliven oder Backpflaumen) zubereitet wird, indem der runde tiefe Teller mit den in ihm geschichteten Zutaten mit einem kegelförmigen Deckel, dessen Spitze in einen runden Knauf ausläuft, verschlossen wird, um auf kleinem Feuer gegart zu werden. Aber wir sehen auch Schildkröten und kleine Echsen in kleinen Käfigen, wir sehen die streunenden Katzen und die zum Hungertod verurteilten jungen Kätzchen, doch wenig Hunde. Wir begegnen einer Katzenmutter in einem hohen nackten Karton mit drei Jungen, deren Augen sich gerade geöffnet haben. Ein junger Mann in der Nähe des Karton-Nestes versichert mir, dass er die Katzenmutter füttere....Zu meiner Verwunderung drängen sich nicht nur die Menschen – die Frauen oft verschleiert - durch die Gassen des ausgedehnten Basar, nein, neben breiten, von Männern gezogenen mit Waren oder Handwerkszeug beladenen Karren, neben Eseln oder Mulis und wenigen Touristen - zumeist Franzosen -  zwängen sich auch Motorräder, ja sogar so manches Auto ohne großen Krach, ohne Tohuwabohu und ohne platzheischendes Hupen durch die Enge. Man mag’s nicht glauben! Und Fußangeln? Jede Menge, wie sich denken lässt! Die zahlreichen kleinen Moscheen liegen versteckt hinter leicht übersehbaren Eingängen, und man entdeckt deren Zugang nur zufällig, wenn Männer gerade aus ihren Galoschen schlüpfen und im Dämmer verschwinden. Dann versuchen auch wir einen Blick zu erhaschen und spähen verstohlen hinein in das Geheimnisvolle..... Hohe, rotbraune, selbstverständlich stets reich verzierte, alles überragende Minarette bilden für unsereinen ungefähre Anhaltspunkte für den jeweiligen Standort und verwirren am Ende doch nur......

 

Und dann entdecken wir sie ganz zufällig, die beiden Paläste: eingeschleust von einem jungen Berber betrachten wir ganz allein einen wundervollen arabischen Palast! In gedämpftem Licht, welches im 1. Stock durch uneinsehbare Fenster fällt, leuchten die mit wunderschönen filigranen Ornamenten verzierten Fayencen an den Wänden. Wir befinden uns in einem hohen quadratischen Raum, an dessen Stirnseite ein weiterer niedriger gehaltener Raum unter einer von Säulen gestützten Empore seine Schönheit im Halbdunkel  - man hat den Eindruck – zu verbergen sucht. Die Raumaufteilung erinnert mich an Paläste, wie ich sie in Syrien gesehen habe. Die Dekoration der „Azulejos“ ist atemberaubend. Schon im 9. Jahrhundert vor Christus war in Mesopotamien die Kunst der Fayencen-Herstellung entstanden. Die Araber brachten sie viel später nach Westen und nach Spanien, wo wir sie ja heute noch in Andalusien bewundern. Bekanntlich verbot Mohamed die bildliche Darstellung von Tieren, Menschen und natürlich von Allah selbst, dem Allerhöchsten, wie ja auch Moses von Gott ermahnt wurde: „Du sollst dir kein Bildnis machen!“ So erfreuen wir uns heute an den kunstvollen Arabesken, einst hervorgegangen aus dem hellenistisch-römischen Rankenornament, die sich im arabischen Raum zu hoher Kunst entwickelten, und in dem sich streng stilisierte Pflanzen ineinander ranken, oft noch verbunden mit arabischen Kalligraphien. Häufig sind die Arabesken  aus Stuck, sofern sie nicht als Bemalung auf Kacheln und Fayencen zu bewundern sind. Kleine Vögel flitzen durch den dämmrigen Raum, sonst herrscht eine wunderbare Stille....

 

An den arabischen Palast schließt sich ein Berberpalast an: wir betreten einen lichtdurchfluteten patio-artigen großen „verwunschenen“ Garten mit Blumen, Brunnen und kleinen Tischen, abermals ein kleines Paradies, eingefriedet von hohen weißen (angeschmutzten!) Mauern, die in einem rundumlaufendem dekorativ geschnitzten dunkelbraunem Holzwerk ihren Abschluss finden (und dem Palast selbst, natürlich). In den mit Arabesken aus Stuck geschmückten Nischen an der Stirnseite stehen Divane, um auch im Regen in dieser bezaubernden Oase inmitten der geschäftigen Suqs zu verweilen. Das Wort „Paradies“ bedeutet ja eigentlich „Garten“, und immer, wenn man einen solchen orientalischen Garten betritt, wird einem die Bedeutung dieses Wortes so richtig klar: eine in sich harmonische Schönheit  „gezähmter“, kultivierter Natur in einer rauen, unwirtlichen Umwelt allein um der Schönheit willen, verbunden mit Kunst, meist auch mit Architektur. Unsere Gärten beziehen die umgebende Natur in der Regel mit ein, denn wir lieben diese um ihrer eigenen Schönheit willen eigentlich fast genau so sehr wie den eigenen von uns selbst kultivierten Garten, -  wenn sie denn nicht durch die Menschen „verschandelt“ wurde! -  Das war wohl in früheren Jahrhunderten nicht immer der Fall, als den Menschen unserer Breiten die Natur ebenfalls rau und unwirtlich vorkam. Hören wir nicht  oft von „Paradiesgärtlein“ und von eingefriedeten, behaglichen, ja geradezu verwunschenen Klostergärten?

 

In diesem Berbergarten verbleiben wir für’s Erste und lange bei thé en menthe.......

 

Selbstverständlich besuchen wir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Berbermetropole: das Bab Agnaou, das schönste Stadttor Marokkos aus dem 12. Jahrhundert und unweit davon die berühmten Saadiergräber in einer vornehm bescheidenen Gartenanlage: In gedämpftem Licht schwingen sich in den hohen Mausoleen durch feine, geometrische Dekorationen aufgelockerte arabische Spitzbögen auf eleganten Säulen. 7 Sultane sind zusammen mit Familienmitgliedern in Sarkophagen beigesetzt. Oder das erst kürzlich eröffnete Museum in einem ehemaligen Palast eines Wesirs, dessen große nach oben offene Halle mit den elegant ausgestatteten Nebenräumen (kunstvolle Arabesken aus Stuck, meisterhaft verzierte Fayencen an den Wänden, -Mobilar)  und seinen an den Wänden angebrachten Brunnen beglücktes Staunen hervorrufen kann. Und natürlich die Madrasa Ben Youssef, die schönste Koranschule des Landes, gegründet im 14. Jahrhundert und 2001 renoviert. Auch hier wieder ein beeindruckender Innenhof, dessen Bodenfliesen aus Carraramarmor bestehen, und einen Gebetsraum mit reichlich dekorativen Arabesken aus Stuck und mit einem wunderschönen Mihrab.

Von der Terrasse im ersten Stock eines Restaurants in einem schmalen arabischen Palast  erblicken wir sie: die zahlreichen bewohnten Storchennester auf einer sich weit hinziehenden Mauer! Der Nachwuchs ist erwachsen und bereits ausgeflogen, und die Alten ruhen sich entweder in ihrem kuscheligen Nest aus oder segeln durch die Luft. Wenn der aushäusige Partner heimkommt und neben seinem Nest landet, gibt es stets eine freudige Begrüßung beider „Eheleute“ mit reichlich lautem Geklapper und Hälse-Verrenken. Ahmed el Mansur, einer der bedeutendsten Sultane des Landes, hat einst einen der größten Paläste Marokkos in dieser Stadt erbauen lassen. Heute stehen nur noch die Mauerruinen, auf denen die Sippe Adobar unbehelligt siedelt. An einer Stelle kann die noch bestehende Mauerkrone erklommen werden. Von dort oben hat man einen Überblick über die riesige Ausdehnung des einstigen Palastes. In der Ferne zeigen sich - eher schemenhaft - die schneebedeckten Gipfel des hohen Atlas. Gleichzeitig befindet man sich praktisch Aug’ in Auge mit den klappernden Mitbewohnern der Stadt, die sie übrigens nicht verlassen. Denn: hier lässt sich’s gut sein in der gemütlichen Wärme südlich des Mittelmeeres.

 

Ab 17 Uhr werden auf dem Platz der Geköpften zusätzlich zu den Obst- und Gemüseständen, deren Besitzer schon den ganzen Tag über hier ihre Geschäfte gemacht haben, kleine Buden aufgebaut: unzählige Kleinrestaurants, die sozusagen regelrechte „Fressgässchen“ bilden! Nachdem wir uns mit Cous-Cous, einem Gericht aus Hartweizengrieß mit 7-ernerlei Gemüsen und mehreren Sorten Fleisch – sehr schmackhaft!- in einem der Gastwirtschaften auf dem Platz unter einer Markise regaliert haben, wandern wir in der Dunkelheit an den unzähligen kleinen Garküchen vorbei. Eine jede von ihnen hat eine Nummer. Da gibt es die großen Kochherde, aus denen es aus einem riesigen Kochtopf dampft und brodelt, und um den dicht gedrängt die Einheimischen sitzen und Geschöpftes aus kleinen Schüsseln löffeln. Es sind meistens Männer, und sie sitzen, so habe ich den Eindruck, enger, als sie in der Moschee nebeneinander stehen und knien und zusammen beten (und die Gemeinschaft der Gläubigen wohl auch durch Enge ausgedrückt wird!). Hier auf der Djemaa el Fna gibt es aber auch die „vornehmeren Etablissements“, welche lange Tische und Bänke aufgestellt haben, die jenen in unseren Biergärten ähneln, und die dort ihre Gäste erwarten. Aufgebaut in dekorativen Pyramiden locken frisches Gemüse, Früchte, Fleischspieße, Fleischstücke, Hammelköpfe, Fische in allen Größen und...und...und. Man hat besser keinen Hunger mehr! In diese „Esstempel“ wagen sich auch mutige Touristen....

 

Noch immer jaulen die Musiker auf ihren einfachen Saiteninstrumenten in einer unendlichen Schleife um vier Töne herum, dazu wird rhythmisch getrommelt. Auf dem Boden hocken die verschleierten Wahrsagerinnen auf einer Decke, vor sich einen niedrigen Hocker für die Kundschaft. Immer wieder werden wir dazu animiert, uns mit Henna verschönern zu lassen – mit der üblichen, bereits oben beschriebenen Spritze - . Nachdem bei uns keinerlei Veranlassung besteht, noch schöner zu werden, winken wir stets höflich ab!  

 

Auf dem Weg zum Taxistand setzen wir uns am letzten Abend noch eine halbe Stunde in der Dunkelheit auf eine Mauer, auf der auch viele andere Menschen sitzen – Einheimische und einige wenige Touristen. In der Dunkelheit eines lauen, südlichen  Abends betrachten wir die Silhouetten von Palmen und Laubbäumen in einem  gegenüberliegenden Park. Davor stehen die Fiaker und warten noch immer auf Kundschaft. Viele Einheimische flanieren an uns vorbei, die meisten Frauen in langen Gewändern und das Haar verhüllt, so manche auch verschleiert.  Nur wenige junge Mädchen zeigen sich in keckem westlichen outfit, doch nie mit unbekleidetem Bauch, wie es derzeit im Westen Mode ist. Männer in traditionellen Gewändern sind selten, und die Kinder wurden durch die Bank in praktisch-moderne Kleidung gesteckt.

 

Schließlich wäre noch anzumerken, dass die Straßenbeleuchtung mit ihrem goldgelb-warm-schummrigen Licht eher nicht so recht  b e leuchtet, und dass das Überqueren einer der üblichen Verkehrsstrassen nicht ohne Lebensgefahr möglich ist! Und das nicht nur in Marrakesch!       

Erwähnenswert: Auch an diesem letzten Abend tut sich die Patentante unseres deutschen Bräutigams im zähen  Verhandeln mit dem Taxifahrer hervor.

 

Man mag’s kaum glauben: Es gibt es noch, das Wunder von Marrakesch, doch es ist von ganz anderer Natur, als man gemeinhin denkt. Der Zug nach Casa fährt mit 20 Minuten Verspätung ein und mit 30 Minuten Verspätung ab. Dennoch wird er zu unserer Überraschung pünktlich ankommen! Wir reisen selbstverständlich wieder 1. Klasse auf vorgebuchten Plätzen in arabisch-französischer Gesellschaft: Da ist zum einen das arabische Ehepaar mittleren Alters – die lebhafte sehr offen freundlicheFrau selbstverständlich wieder von Kopf bis Fuß in diesem ganz gewiss nicht kühlen compartiment verhüllt, der Mann westlich gekleidet. Sodann befinden sich noch ein junger, moderner, sehr höflicher Franzose mit einem Laptop auf den Knien und eine quirlige Französin in unserer Gesellschaft. Von letzterer erfahren wir sofort, dass sie grade ihrer Tochter einen Besuch abgestattet habe, die in diesem Land mit einem Marokkaner verheiratet sei. Sie lobt die Küche der Schwiegermutter ihrer Tochter, und schon kochen die beiden Damen und bereiten im Geiste die köstlichsten Gerichte zu. Alsdann geht man im Gespräch zur Politik über, an welchem Thema sich selbstverständlich die Männer vehement beteiligen. Ich schnappe leider nur Brocken auf, und bekomme nur so ungefähr mit, um was es geht. Für ein Einsteigen in die frankophone Diskussion reicht es von germanischer Seite leider nicht. Hingegen bietet mir die Französin ein Stück ihres Sandwichs an, welches sie gerade von einem ambulanten Händler, der seinen Wagen mit Getränken und Esswaren durch die Gänge der Waggons schiebt, erworbenen hat. In seinem Inneren birgt es gewürztes Hackfleisch! Mit Schrecken denke ich an eine mögliche Invasion böser Keime auf meinen Verdauungstrakt, verzehre dennoch höflich und tapfer das Angebotene. Sollten sich allerdings tatsächlich bösartige Angreifer auf meine Eingeweide in dem gehackten Fleisch befunden haben, so kamen sie jedenfalls nicht zum Zug.

Die pfiffige Patin unseres deutschen Bräutigams hatte im Hinblick auf den Abflug aus Casa zu früher Stunde die überaus nützliche Idee, eine Buchung im Airport-Hotel vornehmen zu lassen. Das erforderte ein unvorhergesehenes Umsteigen, unvorgesehen deshalb, weil die Umbuchung erst nach dem Erwerb der Fahrkarte zu einem ganz anderen Casa-Bahnhof erfolgt war. Man staune über ein erneutes Anstehen am Fahrkartenschalter des Umsteigebahnhofs. Im Zug kann nämlich keinerlei Fahrschein gelöst werden. Der junge, liebenswürdige Laptop-Franzose war uns in allem behilflich, da er dasselbe Reiseziel ansteuerte wie wir.   

Endlich am richtigen Bahnhof angekommen kam es beinahe zu einer Rauferei unter den Taxifahrern, als wir uns in einem solchen Gefährt zum Hotel kutschieren lassen wollten – ein ganzes Endchen zu fahren, übrigens. Das Hotel selbst imponierte ob seiner Größe, auch ausgedrückt in der Anzahl seiner  Stockwerke, seiner absolut zeitgemäßen Bauweise, seines modernen Designs und seines freundlichen Gartens mit swimming pool. Noch beeindruckender fand ich eine farbenprächtige schwarzafrikanische Großfamilie, die hochgewachsenen schlanken Frauen in weite lange Gewänder in grellem Gelb oder Rot gehüllt. In denselben Farben hatten sie auch lange Schals um ihre Köpfe geschlungen. Lächelnd und sehr selbstsicher betrachteten uns unscheinbare blasse Geschöpfe von einem fernen Kontinent diese schwarzen Königinnen, hinter denen die Kinder und die Männer geradezu „verblassten“, wenn man das in diesem Zusammenhang überhaupt so ausdrücken kann. Kein Zweifel: da war schwarzafrikanische Elite, welcher Art auch immer, unterwegs.

 

Am späten Nachmittag ein Essen zu bekommen erwies sich trotz weitläufiger gastronomischer Räume und einer, wie zu erspähen, Großküche als schwierig. Man ist freundlich, höflich aber bei weitem nicht flexibel. Nach vielem Hin und Her mit Getuschel kamen wir in einem Separée zu Thé en menthe, Wasser, grünen und schwarzen Oliven und – man staune – auch zu einer Pizza! Mehr war aber absolut nicht drin!

 

Omar, ein typischer, hellhäutiger, gemütlicher 29 Jahre alter Berber mit krausem Haar, bereits ein wenig zur Rundlichkeit neigend und bei weitem nicht der schnellsten einer, hantiert hinter der Rezeption. Wir schäkern ein wenig miteinander, und schließlich fragt er mich, ob ich ihm nicht eine deutsche Frau besorgen könne. Ich lasse das durchaus offen, woraufhin er mir sofort seine E-mail Adresse und seine Handy-Nummer aufschreibt und aufdrängt. Und wenn diese Frau, die ich vielleicht für ihn wüsste, älter sei als er, wende ich ein? Oder vielleicht nicht so schön, wie er es sich erträume? Ach, das mache nichts, strahlt er mich an, Hauptsache, sie sei eine Deutsche. Sofort erinnere ich mich an ein ähnliches Erlebnis, das ich vor etlichen Jahren in Rangun (Burma) hatte, als mich ein pakistanischer Arzt um denselben Gefallen bat, da seine Frau – Gynäkologin übrigens – nach vier Entbindungen keine Lust mehr zum Kinderkriegen hatte. „Einfach sei das alles nicht!“ seufzte er damals bekümmert, denn „Frauen seien teuer“! Eine Japanerin, zum Beispiel, koste sehr viel Geld. Deutsche hingegen seien absolut preiswert! „Sie kosten praktisch nichts, denn sie heiraten aus Liebe!“!!!!

 

Beinahe hätten wir noch das Flugzeug verpasst, denn der Shuttle zum Terminal 3 fuhr uns geradewegs vor der Nase davon. Insch’ Allah! Es stand nicht im Willen des Allmächtigen, dass wir in diesem so interessanten Land zurückbleiben sollten. Ein Engel von Taxifahrer, der zufällig des Weges kam, brachte uns schleunigst zu unserem Terminal, und wir schafften es nach mehreren Warteschlangen gerade noch, an Bord zu kommen............  

 

Ein junger Mann aus Deutschland reist mit dem Zug durch Marokko. Er lernt eine wunderschöne Marokkanerin kennen, heiratet sie schließlich - nicht ohne erheblichen finanziellen Aufwand und nimmt sie mit nach Deutschland (wo sie zunächst die fremde Sprache zu erlernen hat). Ein anderer junger Mann aus Marokko sitzt hinter der Rezeption des Airport-Hotels in Casablanca und träumt von einer deutschen Frau. Es ist ihm egal, ob sie schön oder hässlich, ob sie um vieles älter als er oder jung ist, denn inzwischen hat es sich offensichtlich auch im westlichen muslimischen Raum herumgesprochen: eine deutsche Frau kostet praktisch nichts! Deutsche Frauen heiraten aus Liebe..........

 

 

 



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